Büdingen ist weltoffen – Reden am 30.1.16 Teil 2: Pfarrer Andreas Weik

Hier die Rede von Pfarrer Andreas Weik am 30.01.2016

 

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Mitstreiter der Demokratie,

„Wenn wir Büdinger eine Demo wollen, dann machen wir das selbst.“
Vielen Dank Herr Stadtverordneter Henke für diese klare Ansage heute in der Presse an diese Frau aus Bornheim bei Bonn.
Wir Büdinger machen es selbst..
Ich freue mich über den Ruck, der durch diese Stadt gegangen ist. Ich freue mich über so viele Menschen,  über so viele kreative und teils auch witzige Ideen, wie diesem braunen Mob friedlich aber entschieden entgegengetreten werden kann.
Der Nationalsozialismus wurde 1933 nicht dadurch groß, weil es zu viele Nazis gab, sondern dadurch, dass es zu wenige Demokraten gab, die frühzeitig genug Gesicht gezeigt haben. Es ist also gut, dass wir heute da sind.

Heute zeigen wir Gesicht – mit mulmigen Gefühl im Bauch, mit Sorgen und vielleicht auch ein wenig Angst, aber bei klarem Verstand. Denn wir wollen keinen Schritt zurück in die alte Zeit.
Willkommen ihr von außerhalb und danke für alle Unterstützung. Wichtig bleibt aber, dass dieses Zeichen, der Aufruf zu einer Kundgebung für ein buntes Büdingen aus der Stadt selbst heraus kam. Getragen von allen demokratischen Parteien, den christlichen Kirchen, muslimischen Verbänden und ganz vielen Büdinger Bürgerinnen und Bürgern.
Es hat sich viel bewegt in Büdingen in den vergangen Tagen und dass wir heute eine solche Bühne haben, mit Euch und mit vielen ganz unterschiedlichen Menschen, die reden und singen und ein Zeichen setzen, darauf sind wir stolz.

Ich darf in unserem Land denken, glauben und sagen, was ich will.
Ich darf hochgestellte Persönlichkeiten öffentlich kritisieren, ohne dafür ins Gefängnis zu kommen.
Ich lebe in einem Staat, der sich verpflichtet hat, die Würde des Menschen – nicht nur des Deutschen – zu schützen.
Ich lebe in einem Staat, den seit 70 Jahren kein Krieg getroffen hat.
Mir wird ermöglicht, meine Religion auszuüben.
Ich kann mir beruflich eigene Ziele stecken.

Meine Frau muss mich als Mann nicht fragen, ob sie einen Beruf ausüben oder ein eigenes Konto eröffnen darf.

Ich kann mit einer Schulklasse eine Moschee besuchen und bekomme in aller Gastfreundschaft einen Tee gereicht und ich heiße in unserer christlichen Kirche auch Muslime willkommen ohne den Vorsatz sie bekehren zu wollen.
Ich kann im Sommer Junge und Mädchen Hand in Hand laufen sehen und auch Mann mit Mann und Frau mit Frau.

Ich möchte, dass dies so bleibt, denn „zur Freiheit sind wir berufen“, um es mit einem Bibelwort zu sagen.
Und deshalb müssen wir den Menschen entgegentreten, die genau diese Freiheit missbrauchen um sie einschränken zu wollen.

Ich weiß, dass diese Freiheit, die mir so selbstverständlich erscheint, vielen Menschen auf der Welt vorenthalten wird.
Und deshalb kommen sie zu uns, auf der Flucht vor Verfolgung und Verschleppung, vor Bomben und Foltergefängnissen.

Die „Braunen“ reden von Asyl-Flut – wie von einer trüben Brühe, die alles mit sich reißt.
Politiker – keineswegs rechts gerichtet – reden unbedacht von „Überlaufeinrichtungen“, wie z.B. den Turnhallen in Nidda. Sie sprechen von Obergrenzen, die eingehalten werden müssten, weil sonst die Stabilität nicht mehr gewährleistet sei. Technische Begriffe aus der Gefahrenabwehr
Dabei geht es um ->      -> Menschen. Und jeder Mensch hat ein Gesicht.

10 Jahre war ich Schulpfarrer an der Beruflichen Schule Büdingen. Jetzt bin ich hier Gemeindepfarrer.

Viele Gesichter junger Menschen sind mir da begegnet. Gesichter von Menschen, die hier in Büdingen gelandet sind -> nach abenteuerlichen und allzu oft lebensgefährlicher Reise.

Da ist der junge Mann, der vor drei Jahren von einer Insel aus Somalia geflohen ist, heute eine Ausbildung zum Altenpfleger macht und von den Heimbewohnern „der Engel aus Afrika“ genannt wird.

Da ist der junge Mann aus Eritrea, der hier in Deutschland mit nichts ankam als mit einer Hose -> und einer Bibel.

Da ist das Brüderpaar aus Afghanistan. Der Ältere stand mit seinem Vater als 10-jähriger auf dem Markt in Teheran und machte Schuhe. In diesen Tagen legt er seine Abschlussprüfung als Orthopädieschuhmacher in Bad Vilbel ab und sein Bruder vielleicht als Bauschlosser.

Da ist die junge Frau aus Eritrea, deren Mann seit 10 Jahren in einem Lager in Israel sitzt und ihr 15-jähriger Sohn in Addis Abeba, die mit uns auf der Konfirmandenfreizeit gekocht hat.
Da ist der jungen Mann aus Mossul, dessen Vater vor seinen Augen von den Taliban erschossen wurde, weil er als Polizist von Deutschen ausgebildet wurde. Was aus ihm geworden ist, ich weiß es nicht.

Da ist die junge Frau aus Äthiopien, die vor 12 Jahren als 13-jähriges Mädchen nach Deutschland kam und inzwischen ihr Sozialwissenschaftsstudium abgeschlossen hat und sich ehrenamtlich engagiert.

Da ist der Mann aus Syrien, der bei uns in der Kirche an Heiligabend die Weihnachtsgeschichte auf Arabisch vorgelesen hat und der sehnlichst darauf wartet, seine Familie nachholen zu können.

Was andere als „Flut“ diffamieren, das sind für mich Gesichter.
Gesichter von Menschen, die hier in Büdingen leben.
Ich bin froh, ihnen begegnet zu sein. Sie haben mich und meinen Blick auf das Leben reich und weit gemacht und ich begegne ihnen mit großem Respekt.
Sie haben in ihrem jungen Leben oft viel mehr geleistet als ich.
Ich finde es schändlich, wenn ihnen im Vorhinein der Stempel aufgedrückt wird, „ob sie auch wirklich integrationswillig seien.“
Ich bin dankbar dafür, dass es in unserer Stadt so viele Menschen gibt, die Gesicht zeigen um diese Gesichter zu sehen. Ob im Rahmen der Ehrenamtsagentur oder schon seit Jahren ganz ohne Aufhebens darum zu machen.

Du sollst den Fremden nicht bedrängen, weil Dein Volk selbst Fremdling gewesen ist, so sagt es die jüdisch-christliche Tradition.

Im Menschen, der mir jetzt begegnet, den Nächsten zu sehen, ob Fremder oder Einheimischer, ob Christ oder Muslima oder Atheist, ihn zu lieben, ihm meinen Respekt zu zeigen, ihm Gutes zu wollen, dazu hat Jesus die Menschen aufgerufen und ich möchte, dass dieser Ruf weiterhin gehört wird.
Deshalb rufen auch nachher in der Innenstadt die Glocken der Marienkirche zum Frieden und zum Gebet, während vermutlich auf dem Marktplatz andere, menschenverachtenden Reden gehalten werden.
Vielen Dank

 

Schlusswort zum Abschluss der Kundgebung

 

Am 30. Januar 1933 ging der Fackellauf der Nazis auch durch Büdingen, begleitet von einer SA-Kapelle, vorbei am Hotel Stern – Herrn Volkmar Stein sei Dank für seine Aufzeichnungen, sehr lesenswert, was er schreibt.

Heute kein Fackelzug, Dank an die Stadt Büdingen für die Beharrlichkeit und Dank für kluge und wohl begründete Entscheidung aus Kassel.
Am 30. Januar 1933 zogen die Nazis mit Fackeln durch das Jerusalemer Tor in die Altsatdt.

Schon 6 Wochen später am 15. März holten die Nazis Juden aus ihren Wohnungen und trieben aus dem Jerusalemer Tor hinaus – unter Schlägen wie Vieh über die Straßen, hier unten, da wo Ihr steht – durch die Düdelsheimer Straße in des Saalbau Schäfer.

Der Niddaer SA Obertruppführer Heinrich Kröll ließ sie Kniebeugen machen, einige wurden misshandelt.

Es begann ein mehr als 12 Jahre anhaltendes Martyrium für andersdenkende Menschen. Millionen Opfer rassistischer Gewalt.
All die Opfer haben ein Gesicht.
Wir wollen zum Abschluss unserer Kundgebung eine Minute Stille halten, einfach nur Stille – und wer will, natürlich auch ein Gebet.

Hierzu läutet die Glocke der Remigiuskirche.